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„Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre“? Ganz sicher nicht!

Letzte Tage sind völlig anders, als man es sich vielleicht vorstellt.

Es gibt so Sprüche, die einfach jeder kennt. Die unzählige Male auf Postkarten, inspirierenden Bildchen und Wandtattoos verwendet wurden. Dieser gehört ganz sicher dazu: „Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre.“ Ich mag diesen Spruch nicht. Ich finde ihn sogar ziemlich daneben, und das gleich aus mehreren Gründen.

Wie ein letzter Lebenstag in der Realität aussieht

Wenn du an Altersschwäche oder nach einer Krankheit stirbst, dann machst du an deinem letzten Lebenstag vermutlich nicht mehr viel. Aus der Hospizarbeit und den Erfahrungen im Familienkreis kann ich dir sagen: Menschen sind an ihrem letzten Lebenstag häufig gar nicht mehr bei Bewusstsein. Oder sie sind zwar wach, wirken aber trotzdem schon sehr weit weg. Manche sehen Dinge, die wir nicht sehen können, oder sprechen in Symbolen und Bildern, die uns nicht gleich einleuchten. Menschen an ihrem letzten Lebenstag schlafen sehr viel. Wenn man es überhaupt so nennen kann, denn ein normaler Schlaf ist das nicht.

Sie tun jedenfalls in den seltensten Fällen noch etwas Entscheidendes. An einem letzten Lebenstag ist oft nicht einmal mehr Kommunikation möglich, geschweige denn irgendwelche tollen Erlebnisse oder Erfahrungen, wie der Sinnspruch impliziert. Am letzten Lebenstag isst man nicht mal sein Lieblingsessen oder trinkt noch ein letztes Glas Rotwein. Das Essen und Trinken verliert nämlich im Sterbeprozess an Bedeutung, die meisten Menschen nehmen schon Tage vor ihrem Tod nichts mehr zu sich.

DAS kann also schon mal nicht gemeint sein, wenn wir jeden Tag so leben sollen, als ob es unser letzter wäre.

Was würdest du an deinem letzten bewussten Tag tun?

Natürlich geht es in dem Spruch vom letzten Tag weniger um dieses natürliche Sterben. Gemeint ist eher, dass ja jeder Tag unser letzter sein könnte. Angenommen, du wüsstest aus irgendwelchen Gründen ganz sicher und unwiderruflich, dass du heute Nacht im Schlaf stirbst oder morgen früh vom Bus überfahren wirst. Was würdest du dann mit diesem letzten Tag tun?

Die Antwort kann natürlich jede:r nur für sich beantworten. Ich persönlich habe zwei verschiedene Antworten: eine, die ich für realistischer halte, und eine, die ich wünschenswerter finde.

Mein letzter bewusster Tag in der realistischeren Variante

Wenn ich heute erfahren würde, dass ich morgen nicht mehr lebe, würde ich wahrscheinlich in völlige Verzweiflung verfallen. Ich würde weinen, ich wäre zornig und ich hätte furchtbare Angst um mich und meine Liebsten. Ich würde irgendwie versuchen, noch so viele Dinge wie möglich zu klären und vorzubereiten, und wahrscheinlich wäre vieles davon blinder Aktionismus. Wahrscheinlich würde ich noch Menschen anrufen, die mir wichtig sind, aber auch sie wären verzweifelt und traurig und hätten Angst. Eine furchtbare Vorstellung und ganz sicher nichts, wie ich jeden Tag haben möchte.

Mein letzter bewusster Tag in der wünschenswerten Variante

Klar, ich weiß, mit dem Spruch ist immer noch was anderes gemeint. Ich lasse mich gerne auf die schönere, wünschenswertere Variante ein.

Angenommen, ich würde heute erfahren, dass ich morgen nicht mehr lebe, aber ich wäre damit im Reinen. Dann würde ich heute wahrscheinlich alle Menschen einladen oder zumindest anrufen, die mir etwas bedeuten. Ich würde sie dringend bitten, alles stehen und liegen zu lassen, damit ich sie noch einmal sprechen und in den Arm nehmen kann. Ich würde im Garten ein Lagerfeuer anzünden und bis in die Nacht zuhören, wie die Musiker:innen in meinem Freundeskreis dort Musik machen. Ich würde Wein und Bier trinken, Braten und Klöße und jede Menge Kuchen essen.

Klingt super? Für mich schon, ja. Sehr.

Aber ganz ehrlich: So möchte und könnte ich nicht jeden Tag leben. Ich möchte nicht jeden Tag Alkohol trinken, Fleisch und Kuchen essen. Ich möchte nicht jeden Tag eine Party im Garten haben und meine Freund:innen und Familienmitglieder würden auch nicht ihre Berufe aufgeben, um mir täglich im Garten Musik vorzuspielen.

Wie soll ich das also verstehen, dass ich jeden Tag so leben sollte, als ob es mein letzter wäre?

Mehr Spaß, weniger Zukunftsplanung?

Wenn ich wüsste, dass ich nur noch sehr kurz zu leben habe, dann würde ich viele Dinge nicht mehr tun.

  • Ich würde nicht mehr auf eine gesunde Ernährung oder genug Bewegung achten.
  • Ich würde keine Kund:innenaufträge mehr annehmen.
  • Ich würde kein Geld mehr „für später“ zurücklegen.
  • Ich würde nicht mehr den Rasen mähen oder den Keller entrümpeln.
  • Ich würde keine Pläne mehr machen, was ich im nächsten Jahr beruflich erreichen will.
  • Ich würde keinen Urlaub buchen und mich zu keinen Veranstaltungen oder Fortbildungen anmelden.

All das möchte und sollte ich aber im Alltag tun. Ich möchte davon ausgehen, dass ich noch lange leben werde, und dafür sinnvolle Pläne machen. Ich möchte mir überlegen, was ich morgen, nächste Woche, nächstes Jahr und in 10 Jahren gerne tun oder erreichen möchte. Und ich denke, es ist auch klug und gesund, das zu tun.

Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre“ – eine abgewandelte Version

Ich glaube, es war in „Queen of fucking everything“ von Sabine Asgodom, wo ich vor Kurzem eine Abwandlung des Sinnspruches gelesen habe: „Lebe jeden Tag so, dass es dein letzter sein könnte.“ In dieser Version finde ich mich sehr viel leichter wieder. Das hat nämlich eine Reihe von Konsequenzen, die im Alltag sinnvoll und wichtig sind:

  • Der wichtigste für mich: Nicht im Streit auseinandergehen. Diese Grundregel lebt meine Familie schon, seit ich denken kann, und ich finde sie sehr, sehr wichtig. Ich glaube, es ist wirklich schwer, damit zurechtzukommen, wenn die letzten Worte im Streit und in Wut ausgetauscht wurden.
  • Die abgewandelte Version des Sinnspruchs hat aber auch etwas mit Wunscherfüllung zu tun. Damit, die eigenen Ziele und Wünsche nicht auf ein diffuses „Irgendwann“ zu verschieben, sondern in Angriff zu nehmen. Damit man sie leben konnte, wenn irgendwann der Vorhang fällt.
  • Und es schwingt auch eine gewisse Vorsorge mit. Sich Gedanken um eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht zu machen. Mit Zugehörigen über die eigenen Bestattungswünsche zu sprechen. Und Dinge, die längst ausgesprochen werden müssten, auch tatsächlich auszusprechen.

Wie geht es dir mit „Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre“? Übertreibe ich mit meiner Kritik? Oder teilst du sie womöglich? Fällt dir noch ein anderer Aspekt ein, der sich aus diesem Sinnspruch ableiten lässt? Schreib mir deine Meinung in die Kommentare, ich bin schon gespannt!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Birgit, so hab ich das noch nie gesehen, und ja, ich geb dir meine Zustimmung.
    Danke fürs Anpacken dieses eher‘ abgenudelten‘ Spruches: ‚sein könnte‘ trägt wesentlich mehr Achtsamkeit in sich. In nahezu jeder Hinsicht.
    Trotzdem bin ich nicht sicher, ob ich jeden Tag so leben könnte, aus rein praktischen Erwägungen nicht.
    Liebe Grüße Ulrike

    Antworten

    • Liebe Ulrike,

      es freut mich sehr, dass dir mein Beitrag eine neue Sichtweise geben konnte! Und nein, ich kann das auch nicht, jeden Tag so leben. Aber wenn man es so definiert, kann es zumindest erstrebenswert sein.

      Viele Grüße
      Birgit

      Antworten

  2. Liebe Birgit, wenn ich wüßte, wann mein letzter Tag ist, würde ich meine Kinder und Enkel zu mir holen, um ihnen zu sagen, dass sie das allerliebste und wichtigste in meinem Leben sind.
    Zum Glück kann ich das aber auch jetzt schon sagen, Ich liebe euch von ganzem Herzen.
    Ein paar Tränchen schicke ich auch noch mit, keinesfalls traurige, sondern welche aus Rührung
    Deine Mama

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