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„Deutsch*in“? Warum Alicia Joe mit ihrem Video zur Gendersprache unrecht hat

Deutsch*in: Warum Alicia Joe mit ihrem Video zur Gendersprache unrecht hat.

Ich schaue mir Alicia Joes Gendervideo mal ein wenig genauer an …

Anfang Januar ging die Youtuberin Alicia Joe mit einem Video viral, in dem sie beweisen möchte, „warum Gendersprache scheitern wird“. Zunächst hatte ich aus Rücksicht auf mein Nervenkostüm beschlossen, es mir gar nicht genauer anzuschauen. Aber dann schickte mir ein Freund den Link, mit der Bitte, ihm doch meine Meinung dazu zu sagen. Er habe sich noch nicht genauer mit gendergerechter Sprache beschäftigt, aber das Video erschiene ihm recht schlüssig. Also habe ich es mir doch angeschaut und für ihn (und jetzt auch für euch) eingeordnet. Spoiler: Gendersprache wird nicht scheitern, schon gar nicht aufgrund der Argumente von Alicia Joe.

Mit ein, zwei kurzen Absätzen ist es bei einem fast 29 Minuten langen Video natürlich nicht getan, vor allem deswegen, weil hier recht geschickt wahre Ansätze und ernsthafte Argumente mit unpassenden Beispielen, Falschinfos und einer Reihe von typisch populistischen Sprachtricks verbunden sind. Also, holt euch was zu trinken, das wird ein wenig länger.

Eine Rechtschreibreform für Gendersprache?

Eigentlich, so meint Alicia Joe im Video, sei sie ja „grundsätzlich positiv gestimmt gegenüber dem Versuch, neben der Gesellschaft auch die Sprache gerechter zu gestalten“. Allerdings sei das alles eben furchtbar kompliziert und schlecht durchdacht und überhaupt gäbe es ganz viele Argumente, die man sich wirklich einmal genauer ansehen müsse. Nun denn.

Bei Minute 1:03 wird es dann schon interessant. Ich zitiere:

„Machen wir erst mal ein Gedankenexperiment und gehen davon aus, Gendersprache soll irgendwann flächendeckend mit einer Rechtreibreform eingeführt werden. Das ist tatsächlich das Ziel vieler Genderbefürworter. Auch Annalena Baerbock hat sich zum Beispiel dafür ausgesprochen, Gesetzestexte geschlechtergerecht zu gestalten.“

Alicia Joe füttert hier ein weitverbreitetes Narrativ vieler Gegner:innen der gendergerechten Sprache: Irgendwer „da oben“ würde bald Gendersternchen und Co. verpflichtend für alle einführen. Das ist Quatsch:

Zum einen sehe ich nicht, dass eine Rechtschreibreform überhaupt das Ziel vieler Menschen wäre. Die meisten Nutzer:innen von Gendersprache, die ich kenne, haben da gar keinen besonderen Missionierungseifer, sondern überlegen einfach für sich selbst, wie sie mit ihrer Sprache umgehen wollen.

So geht es mir selbst übrigens auch. In meinen eigenen Texten verwende ich (weitgehend) geschlechtersensible Sprache. Ich erwarte aber nicht von anderen, das ebenfalls zu tun. In Kundentexten handhabe ich es so, wie die Kund:innen das wollen. Das ist häufig das generische Maskulinum oder die Doppelnennung.

Und zum anderen verkennt diese Behauptung völlig den Prozess von Sprachveränderungen und Rechtschreibvorgaben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen werden diese nämlich nicht durch Rechtschreibreformen bestimmt. Stattdessen läuft es so: Bestimmte Wörter, Begriffe oder Sprachformen kommen in die Sprache und werden nach und nach immer häufiger verwendet. Irgendwann wird die Dudenredaktion auf solche neuen Verwendungen aufmerksam, beobachtet sie über die Jahre hinweg und prüft, ob ein Wort oder Ausdruck (oder eine neue Bedeutung von Wörtern oder Ausdrücken) in den Duden aufgenommen werden sollte. Reformen dieser Art kommen also nicht „von oben“, sondern aus der tatsächlichen Verwendung heraus. Ob und in welcher Form Gendersternchen und Co. jemals Einzug in die gültigen Schreibregeln halten werden, bleibt abzuwarten.

Aber darum geht es Alicia Joe nicht wirklich. Dass sie tatsächlich mit der Angst vor Zwang und Reform spielt, zeigt ihr Beispiel zu diesem Thema. In einem Atemzug mit einer angeblichen Rechtschreibreform erwähnt sie, dass auch Annalena Baerbock gefordert habe, Gesetzestexte gendergerechter zu gestalten. Das ist nicht falsch, aber ein völlig anderes Thema. Baerbock fordert nicht einmal ansatzweise eine Rechtschreibreform, sondern wünscht sich einen sensibleren Umgang mit Sprache, auch in Gesetzestexten. Nicht mehr und nicht weniger. Dass Alicia Joe hier ausgerechnet Annalena Baerbock in diesen Zusammenhang bringt, ist kein Zufall. Denn wer würde besser zum Feindbild für Gender-Gegner:innen passen als eine hochrangige Politikerin der Grünen?

Von der Uneinheitlichkeit der Gendersprache

Im nächsten Argument prangert Alicia Joe an, dass die gendergerechte Sprache so uneinheitlich sei.

Da hat sie natürlich recht.

Gendersprache ist kompliziert, hat große Lücken und ist an vielen Stellen unvollständig. Zusätzlich gibt es eine ganze Reihe von verschiedenen Formen, die nebeneinander existieren. Welche sich durchsetzen wird? Keine Ahnung. Vielleicht keine von denen, die wir bisher verwenden.

Gerade diese Gleichzeitigkeit und Lückenhaftigkeit ist ein Zeichen für eine natürliche Sprachveränderung. Viele unterschiedliche Menschen versuchen, Lösungen für etwas zu finden, das sie als Problem ansehen. Dabei gibt es verschiedene Ansätze und Ideen, die erst einmal erprobt werden müssen und von denen sich viele als ungünstig herausstellen werden (und schon herausgestellt haben).

Die fehlende Einheitlichkeit ist allerdings überhaupt kein Argument dafür, keine dieser Formen zu verwenden.

Einerseits weil es diese Einheitlichkeit in absehbarer Zeit ganz sicher nicht geben wird (da wären wir wieder beim Thema Rechtschreibreform).

Und andererseits ist das ein bisschen, als würde man sagen: „Solange es dir nicht gelingt, in jeder einzelnen Situation freundlich und geduldig mit Menschen zu sprechen, solltest du das mit der Freundlichkeit wirklich sein lassen! Lern das erst mal und dann kannst du freundlich sein.“

Es finden sich nur Lösungen, wenn man verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, an Grenzen stößt, Neues ausprobiert und sich so irgendwann einem gemeinsamen Ergebnis (oder auch mehreren) annähert.

„Deutsch*in“ und andere Extrembeispiele

Überzogene oder auch komplett falsche Beispiele sind ein so weit verbreitetes Sprachmittel von Gegner:innen gendergerechter Sprache, dass es einfach nur zum Gähnen ist. Der Altherrenwitz mit dem Ausspruch „Reich mir mal die Salzstreuerin“ ist da noch ein harmloses Beispiel. Die Übertreibung und das Nutzen von alltagsfernen Extrembeispielen sind Mittel der Verächtlichmachung. Wer das nicht glauben mag, kann gerne mal in irgendeinem großen Onlinemedium die Kommentare unter einem beliebigen Artikel lesen, in dem Gendersprache genutzt wird. Natürlich bedient sich auch Alicia Joe dieser Strategie und verwendet entsprechende Beispiele.

Das Startbild mit der Aufschrift „Deutsch*in“ soll natürlich einfach zum Klicken anregen. Geschenkt. So funktioniert das nun mal mit Titeln. Schauen wir uns also mal die Beispiele im Video an.

Für das Problem der Uneinheitlichkeit führt Alicia Joe drei Beispiele an:

Beispiel 1 (Minute 2:33) stammt aus einem österreichischen Schulbuch und ist – falls es so stimmt – wirklich sehr komplex und unschön. Allerdings stammt es spätestens aus dem Jahr 2015. Sechs Jahre sind in einem solchen Prozess Welten und ich würde behaupten, dass Beispiele wie dieses inzwischen deutlich seltener vorkommen. Dazu kommt, dass als Quelle der Verein deutsche Sprache angegeben ist, der sich in den letzten Jahren schon mehrfach absolut disqualifiziert hat, nachzulesen unter anderem hier, hier oder hier. Das vom VdS genutzte PDF mit dem genannten Schulbuchbeispiel stammt ursprünglich vom österreichischen Bundesverband der Elternvertreter, dessen Präsident Theodor Saverschel sich im Zusammenhang mit Gendern in der Presse mit angedeuteten Nazivergleichen und dem Vorwurf der Gehirnwäsche zitieren lässt. Das ist ein bisschen, als würde man eine Quelle der AfD nutzen, um die Gefährlichkeit von Flüchtlingen zu belegen.

Bei Beispiel 2 (Minute 2:54) handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Geschäftsordnung der Stadt Neuss, also um Rechts- oder Beamtendeutsch. Dass dieses schon im Allgemeinen für Normalmenschen kaum zu verstehen und nur selten literarisch schön ist, darüber brauchen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht darüber, dass es durch Gendersprache nicht schöner und einfacher wird. Mit einem täglichen Gebrauch von gendergerechter Sprache hat das jedoch nur wenig zu tun.

In Beispiel 3 schlägt der:die Sprachwissenschaftler:in Lann Hornscheid „ens“ als geschlechtsneutrale Endung und Pronomen vor. Der Beispielsatz aus dem zitierten Video lautet: „Ens Käufens und ens Einkaufskorb“ anstelle von „Ein:e Käufer:in und sein:ihr Einkaufskorb“. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, das von Alltagsnutzung ungefähr so weit entfernt ist wie Laufstegmode von H&M. Über den Sinn und Unsinn solcher Neuschöpfungen kann man gerne diskutieren. Ich persönlich denke nicht, dass sich das durchsetzen wird, obwohl ich den Grundgedanken nicht so schlecht finde (dazu kommen wir später noch einmal). Aber die verächtliche Kritik, die Alicia Joe daran übt (ab Minute 4:07), ist sachlich völliger Quatsch. Sie behauptet nämlich, Lann Hornscheid wolle sämtliche Possessivpronomen durch ein einziges Wort ersetzen, also auch „mein“, „dein“, „unser“ und „euer“. Dadurch würde man dann gar nicht mehr verstehen, was gemeint sei. Natürlich ist davon nicht einmal ansatzweise die Rede. Das Einzige, das ersetzt werden soll, ist die Geschlechtsunterscheidung „sein“ und „ihr“, die es in keiner anderen Form des Possessivpronomens gibt.

Darstellung der Possessivpronomen, deren Ersetzung Alicia Joe kritisiert.

kleiner Unterschied …

Über Uneinheitlichkeit und die daraus (möglicherweise) entstehenden Probleme kann man gerne diskutieren. Aber nicht auf so eine populistische Art.

Aber die da oben machen das jetzt verpflichtend!

Im nächsten Teil des Videos sind wir wieder beim Thema, dass die Gendersprache jetzt vorgeschrieben würde und das zu großen Problemen führe. Die Uni Kassel ließe das Gendern schon in die Benotung einfließen und was solle denn da ein armer Schüler aus Frankfurt tun, der das Gendern in der Schule nicht gelernt habe (ab Minute 4:45).

Da diese Sau häufiger durchs Dorf getrieben wird, schauen wir uns die Sache mit der Uni Kassel doch mal genauer an:

Ja, die Uni Kassel hat Dozent:innen in bestimmten Situationen genehmigt, gendergerechte Sprache in die Bewertung von Hausarbeiten mit einfließen zu lassen. Dies ist in einem (!) Fall auch geschehen.

Allerdings ging es dabei um eine Vorlesung über Diversität, in der unter anderem die Sprachsensibilität gefördert werden sollte. Wenn sich dann ein Student beschwert, dass diese auch in den Arbeiten gefordert wird, ist das schon wirklich albern. Zumal es in der Bewertung gar keine Noten gab, sondern nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“. Der Student, der sich hinterher aufgeregt hat, hat problemlos bestanden und nur einen Teilpunkt in einer Aufgabe verloren. Man darf also sicher behaupten, dass es ihm eher ums Prinzip und vielleicht auch um ein bisschen billige Aufmerksamkeit ging.

Die Uni Kassel hat jedenfalls inzwischen ein Rechtsgutachten erstellen lassen. In diesem wurde festgestellt, dass diese Art der Bewertung rechtens war. Generell, also ohne inhaltlichen Zusammenhang, könne man aber eine gendergerechte Sprache nicht zur Grundlage der Bewertung machen. Was meines Wissens nach aber auch keine Uni je getan hat.

Hier wird also wieder nur die Angst und Vorstellung bedient, ab sofort müssten alle möglichen Menschen Nachteile befürchten, wenn sie nicht gendern. Das ist nicht so.

Aber noch mal zurück zu dem Mitleid heischenden Argument, ein armer Schüler aus Frankfurt sei doch auf das korrekte Gendern gar nicht vorbereitet:

Jede:r Student:in stellt sehr schnell fest, dass an der Uni alle möglichen Dinge verlangt werden, die man nicht in der Schule gelernt hat. Zum Teil ist es dann Inhalt der Vorlesungen und Seminare (was in diesem Fall ja so war), sehr häufig aber auch nicht. Wer es – nur als Beispiel – schafft, sich im Studium wissenschaftliches Zitieren anzueignen, kriegt auch Gendersprache hin.

Aber die Minderheiten!

Als weiteres Problem nennt Alicia Joe mögliche Schwierigkeiten für Migrant:innen, Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche und Menschen mit Sehbehinderung. Sie meint, man würde also gerade durch die Verwendung gendergerechter Sprache andere Gruppen diskriminieren.

Bei Menschen mit Sehbehinderung kann es tatsächlich zu Problemen kommen: Die Sonderzeichen können wohl nur schwer in Braille-Schrift übernommen oder vom Computer vorgelesen werden. Auch bei Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Lernschwierigkeiten scheint das Gendern durchaus ein Problem zu sein. Diese Themen gilt es zu lösen.

Gendersprache aber deswegen komplett sein zu lassen, ist sicher nicht die einzige oder auch nur sinnvollste Lösung. In diesem Artikel wird Aleksander Packovic, Doktor der historischen komparativen Linguistik und von Geburt an blind, so zitiert: „Viele Screenreader können sehr individuell eingestellt werden. Ob ich beim Wort „Bäcker*innen“ also „Bäcker. Stern. Innen“, „Bäcker. Innen“ oder einfach nur „Bäckerinnen“ hören will, kann ich mir selbst aussuchen.“ Und hier findest du sehr ausführliche Informationen darüber, wie sich gendersensible Sprache und Barrierefreiheit sinnvoll kombinieren lassen.

Beim Thema Migrant:innen sollten wir wohl auch die Kirche im Dorf lassen. Deutsch ist der Endgegner für alle, die eine Fremdsprache lernen wollen. Gerade die eher willkürliche Verteilung der grammatischen Geschlechter ist extrem schwierig zu lernen. Da dürfte die Gendersprache keinen großen Unterschied machen. Oder kann sich jemand von euch vorstellen, dass Migrant:innen sagen: „Also, ich hatte ja gar kein Problem mit dem Deutschlernen. Aber die Gendersprache, die verstehe ich einfach nicht.“? Daran wird es nicht scheitern. Weder im Studium noch sonstwo.

Ich stimme also zu, dass man die Bedürfnisse anderer Minderheiten beim Thema Gendern nicht vernachlässigen darf. Muss man aber auch nicht.

Ohne Alicia Joe etwas Böses unterstellen zu wollen, gibt es da aber noch einen wichtigen Punkt: Es ist ein weitverbreitetes Stilmittel, die Sorge um Minderheiten vorzuschieben, um eigene Themen zu begründen. Zum Beispiel schwangen sich viele Rechte nach den Problemen mit der Silvesternacht 2015 zum Beschützer der Frauen auf. Oder sie wiesen auf arme Renter:innen und Obdachlose hin, um zu begründen, dass man sich im Land keinesfalls um Flüchtlinge kümmern könne. Und in der aktuellen Pandemiesituation wird die Präsenzpflicht in Schulen mit der Sorge um Kinder begründet, während gleichzeitig kaum etwas zu ihrem Schutz getan wird. Es ist leicht, mit der Sorge um Minderheiten zu argumentieren, weil man dagegen kaum etwas sagen kann. Schließlich will sich ja niemand nachsagen lassen, ihm:ihr seien Migrant:innen, Obdachlose, Kinder oder Menschen mit Behinderung egal.

Werden Frauen in der deutschen Sprache benachteiligt?

Im nächsten (deutlich längeren) Abschnitt von „Deutsch*in – Warum Gendersprache scheitern wird“ geht es um die Ursprünge der gendergerechten Sprache. Alicia Joe kündigt hier bahnbrechende Erkenntnisse an, die allerdings niemanden, der sich mal ein klein wenig mit Sprache beschäftigt hat, besonders überraschen dürften.

Letzten Endes steht die Unterscheidung zwischen „Genus“ (der rein grammatischen Geschlechtsform eines Wortes) und „Sexus“ (dem tatsächlichen Geschlecht einer Person) im Mittelpunkt der Argumentation. Rein grammatisch gibt es diesen Unterschied natürlich. „Lehrer“ kann einerseits einen männlichen Lehrer bezeichnen und andererseits eine Lehrperson unbestimmten Geschlechts.

Damit hat sie natürlich recht. Das hat auch nie jemand bestritten. Man nennt das Phänomen „generisches Maskulinum“.

Es hat sich nur im Lauf der letzten Jahre und Jahrzehnte gezeigt, dass viele Frauen und Queer-Personen mit dieser Doppelbedeutung nicht mehr einverstanden sind. Sie ist nämlich nicht zufällig so entstanden, sondern stammt aus einer Zeit, in der nicht nur sprachlich die Männer eine sehr viel größere Rolle spielten als Frauen (von Queer-Personen mal ganz zu schweigen). Wenn man vor – sagen wir mal – 100 Jahren von Ärzten, Handwerkern, Bürgern, Studenten oder Bauern sprach, dann waren damit tatsächlich in allererster Linie Männer gemeint. Frauen spielten nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich eine völlig untergeordnete Rolle. Das Lebensumfeld hat sich seitdem zum Glück deutlich gewandelt, die Sprache ist in diesem Punkt aber weitgehend gleich geblieben. Diese Tatsache ist der Ansatz für gendergerechte Sprache, nicht die Unterscheidung zwischen Genus und Sexus, die im Alltag sowieso keine Rolle spielt.

Aber es gibt ja auch das generische Femininum!

Alicia Joe arbeitet in ihrem Video viel mit Gegenbeispielen. So sagt sie zum Beispiel, es gäbe ja auch

Diese Beispiele gibt es natürlich, aber sie sind im Vergleich zu den Wörtern im generischen Maskulinum extrem selten. Die gleichmäßige Gegenüberstellung und das mehrfache Wiederholen der immer gleichen Beispiele sorgen aber für eine Art False Balance: Man bekommt den Eindruck, männlich und weiblich endende Wörter seien in der deutschen Sprache mehr oder weniger gleichmäßig verteilt. Das stimmt aber nicht. Nicht einmal ansatzweise.

Hinzu kommt: Bis auf extrem wenige Ausnahmen gibt es ganz selbstverständlich eine männliche Entsprechung zu diesen Wörtern. Wo es keine gab, wurden Begriffe erfunden und geändert, als mehr Männer damit bezeichnet werden sollten. Deshalb gibt es zum Beispiel Wörter wie „Pfleger“, „Reinigungskraft“ oder „Geburtshelfer“. Sie sind ein Zeichen dafür, dass Männer sich mit den weiblich verstandenen Berufsbezeichnungen „Krankenschwester“, „Putzfrau“ oder „Hebamme“ unwohl gefühlt haben. Verständlich. Und genau so geht es eben auch vielen Frauen und Queer-Personen mit den männlichen Begriffen, die die Sprache dominieren.

Wie Sprache unsere Vorstellung bestimmt

„Im Pausenraum sitzen drei Chirurgen. Zwei von ihnen sind schwanger.“

Falls du einen Moment gestutzt hast, dann hast du dir bei den Chirurgen im Beispiel zunächst einmal Männer vorgestellt.

Alicia Joe behauptet, das wäre nicht so. Sie würde sich bei „eine Gruppe Lehrer“ immer Frauen und Männer vorstellen, schließlich sei das ja auch ihre Lebensrealität. Und genau da ist das Problem:

Beim Begriff „Lehrer“ mag das so sein, immerhin liegt der Frauenanteil über alle Schularten hinweg bei stolzen 73,4 %. Da darf man wohl erwarten, nicht komplett übersehen zu werden. Aber wie ist das bei den Begriffen „Klempner“, „Software-Entwickler“ oder „Astronaut“? Bei diesen Berufen stellen sich wohl die meisten Menschen erst einmal Männer vor, weil das ja auch der Lebensrealität entspricht. Dass es auch in diesen Berufen selbstverständlich Frauen gibt, geht sprachlich und auch in der Assoziation unter.

Dass das nicht nur „gefühlt“ den Tatsachen entspricht, zeigen verschiedene Studien:

  • Diese Arbeit stellte zum Beispiel fest, dass Recruiter eher Männer in Führungspositionen einstellen, wenn eine Stellenausschreibung nur männlich formuliert ist. Sie schätzen dann die Kompetenz der Bewerberinnen niedriger ein als bei einer geschlechtsneutral formulierten Stellenanzeige.
  • Dieses Problem vergrößert sich noch, denn nach dieser Studie bewerben sich auch gleich weniger Frauen, wenn nur der männliche Begriff in einer Stellenanzeige steht.
  • In dieser Studie stellte sich heraus, dass die meisten Menschen beim generischen Maskulinum in erster Linie an Männer denken, selbst wenn es um Personengruppen geht, in denen hauptsächlich Frauen sind.
  • Und hier wurde gezeigt, dass Mädchen im Grundschulalter sich Berufe eher zutrauen, wenn sie die weibliche Form des Wortes kennen.

Es macht also sehr wohl einen Unterschied, welche Sprachform wir wählen, ob wir das so meinen oder nicht.

Warum die Lösung von Alicia Joe nicht funktionieren wird

Als Beweis, dass Alicia Joe ja eigentlich gar keine Gegnerin von Gendersprache sei, bringt sie nun einen Vorschlag, der an Naivität kaum zu übertreffen ist (ab Minute 24:00): Sie möchte, dass alle geschlechtsbezeichnenden Endungen komplett gestrichen werden und damit das generische Maskulinum über die Zeit tatsächlich (wieder?) als geschlechtsneutral verstanden wird.

Man solle also nur noch „Bäcker“ und „Arzt“ sagen und im Gegenzug dazu dann auch „Braut“ und „Witwe“. Wenn unbedingt die Geschlechtsangabe erforderlich ist, dann solle man „weiblicher Lehrer“ oder „männlicher Freund“ sagen.

Würde man eine Sprache neu erfinden, dann könnte das vielleicht eine ganz gute Lösung sein. Aber in einer gewachsenen Sprache, die sich seit Jahrzehnten in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wird das nicht passieren. Alleine schon deshalb, weil eine natürliche Entwicklung keine solchen riesigen Rückwärts-Schritte macht.

Letzten Endes ist dieser Vorschlag nur eine Ausrede dafür, nichts ändern zu müssen. Einfach weiterhin die männlich verstandenen Formen zu benutzen und zu behaupten, das sei viel weniger diskriminierend als der Versuch, auch andere Geschlechter zu berücksichtigen.

Das Argument, es würde dann ja auch Männer betreffen, ist übrigens eine Farce. Es gibt nur eine Handvoll Wörter, deren Grundform die weibliche ist, die aber eine männliche Movierung haben: Braut und Witwe wurden ja schon genannt. Darüber hinaus konnte ich noch die im Alltag eher selten genutzten Wörter Hexe (–> Hexer) und Nixe (–> Nix) finden, das scheint es so ziemlich gewesen zu sein. Und selbst bei diesen wenigen Wörtern bezweifle ich sehr stark, dass eine Mehrheit der heiratswilligen Männer damit einverstanden ist, von nun an Braut genannt zu werden. Okay, „männliche Braut“, wenn unbedingt das Geschlecht unterschieden werden muss.

Wenn es eine geschlechtsneutrale Endung geben soll, dann kann das nicht diejenige sein, die „zufällig“ auch die männliche ist. Wenn das das Ziel ist, müssten wir wohl doch über neue Endungen sprechen und in Zukunft statt Schüler „Schülens“, „Schülx“ oder „Schüly“ sagen. Klingt grauenvoll? Finde ich auch. Aber der Gedanke dahinter ist sehr viel realistischer als eine geschlechtsneutrale Umdeutung der männlichen Endung.

Wird Gendersprache scheitern?

Ich weiß nicht, ob sich irgendeine der heute genutzten Formen der gendergerechten Sprache durchsetzen wird. Vielleicht entwickeln sich noch ganz andere Formen, die besser funktionieren. Vielleicht bleiben auch einfach mehrere Möglichkeiten bestehen, von denen sich jede:r die aussucht, die ihr:ihm am besten gefallen.

Scheitern wird die Gendersprache deshalb aber ganz sicher nicht. Sie wird sich weiterentwickeln und hoffentlich irgendwann an einen Punkt kommen, an dem man sich über die Diskussionen der 2020er nur noch wundern kann.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr wertvoller und bereichernder Artikel, wie ich finde!
    Er hat mir geholfen, einige der Aussagen von Alicia Joe besser einzuordnen und nicht für ganz so bare Münze zu nehmen.
    Einige Andeutungen, die implizierten, dass sie täuschen oder manipulieren wollte, fand ich etwas irritierend. Ich kann mir gut vorstellen, dass einiges einfach einer gewissen Naivität, ungründlicher Recherche oder Missverständnissen geschuldet war.
    Zum vorletzten Punkt einer Alternative zur derzeitigen geschlechtsneutralen Sprache kann ich eine Betrachtung der Arbeit des Vereins für geschlechtsneutrales Deutsch e.V. empfehlen. Die Website ist unter http://www.geschlechtsneutral.net zu finden.
    Vielen Dank für die wertvollen Worte!

    Antworten

    • Hallo David,

      es freut mich sehr, dass dich der Text ein bisschen weitergebracht hat! Deinen Link schaue ich mir gerne an.

      Ob Naivität oder Absicht hinter dem Video stecken, das ist natürlich nur schwer zu ergründen. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Manchmal tut man gerade jungen Frauen eher unrecht, wenn man ihnen Naivität statt bewusstem Handeln unterstellt. Ich habe den Eindruck, dass ein Teil der verqueren Argumente und Beispiele durchaus Absicht sind. Sicher sein kann ich da natürlich nicht.

      Viele Grüße,
      Birgit

      Antworten

  2. Hallo Birgit,
    ich finde das Video von AJ sehr wertvoll, weil es informiert ist, die Verfasserin die Grammatik kennt und ohne Polemik auskommt.

    Vor allem weist das Video darauf hin, dass viele Leute das generische mit dem biologischen Maskulinum verwechseln. Die Verwechslung findet aber ganz alleine im Kopf statt. Wer über die Lehrer, Ärzte oder Politiker lästert, der hat nicht nur, das behaupte ich, Männer vor dem geistigen Auge. Wenn ich zum Bäcker, Arzt oder Griechen gehe, habe ich die Institution im Kopf, nicht eine bestimmte Person. Nach meinem Verständnis ist keine Aussage über ein biologisches Geschlecht damit verbunden. Deshalb sind auch die Frauen nicht „mitgemeint“, sondern es sind von vorneherein alle Menschen umfasst.

    Das Pech der deuschen Sprache ist, dass die geschlechtsunabhängige und die männliche grammatische Form dieselbe ist. Insofern stimme ich AJ zu. Andere Sprachen kennen das Problem nicht, dort gibt es nur z.B. Teacher. Nur wenn das Geschlecht inhaltliche Bedeutung hat, kommt der Zusatz male , female oder ggf. divers hinzu.

    Da einzig trennende in der deutschen Sprache ist die weibliche Endung, oder wie AJ, die Movierung. Darauf zu verzichten und der/die Lehrer zu sagen und dafür langfristig ein gemeinsames Verständnis anzustreben, finde ich zumindest bedenkenswert. Zumindest ist das nicht mehr oder weniger naiv, als : oder* einzufügen, die den Lesefluss stören und zu hoffen, dass sich das mehrheitlich durchsetzen wird.
    Und nebenbei bemerkt auch nicht naiver, als auf die Überzeugungskraft von „Schülx“ oder „Schüly“ zu hoffen. 🙂 Wenn es gelingt – wunderbar! Es muss nicht diejenige Form sein, die heute als die männliche verstanden wird bzw. für die männliche und gleichzeitig die neutrale Variante verwendet wird. Aber sie hat die beste Startposition. Eine andere Form durchzusetzen, würde ein massives administratives Eingreifen erfordern, das der deutschen Sprachtradition fremd ist. Und die weibliche zu wählen müsste man dadurch bezahlen, dass jedes personenbezogene Substantiv künftig auf -in endet.

    Die Sprachänderung, mit der das Gendern begründet wird, kommt nicht von unten. Man findet sie vor allem in öffentlich-rechtlichen Medien, im öffentlichen Dienst und bei Großkonzernen, die sich ein modernes und diverses Mäntelchen umhängen wollen, damit sie bei jungen Menschen Sympathie erzeugen. In zahlreichen deutschen Unis und Hochschulen gibt es Richtlinien oder „Empfehlungen“ zum Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten, an die man sich als Studi besser hält. Das beschränkt sich keineswegs auf die Uni Kassel.

    Viele Akademiker ziehen aus dem Gendern einen Distinktionsvorteil, können sich von anderen Menschen abheben. Gendern als Statussymbol. Schon der Begriff „gendersensibel“ ist eine Anmaßung und mit einer Selbst-Erhebung gegenüber den anderen verbunden, die im Umkehrschluss natürlich unsensibel sind.

    Der Duden hat an der Stelle seinen Sprache beschreibenden Ansatz aufgegeben und definiert jetzt Lehrer, Arzt, Bäcker etc. als männliche Person, unabhängig davon, wie es von der Mehrheit der Sprachgesellschaft verstanden wird.

    Gendern spaltet: Seit Monaten sind die Umfragewerte stabil. Eine übergroße Mehrheit lehnt das Gendern ab, zumindest die * : _ Das Thema hat es nie über das liberale Akademikermilieu hinaus geschafft und wird vom Rest der Bevölkerung genau aus diesem Grund als abgehoben und arrogant wahrgenommen. Nicht nur deshalb wird es nichts zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen können.

    Schlussbemerkung: Du zitierst vor allem die schwächeren Teile des Videos (Witwe, Person), um das Video zu kritisieren. Das wäre gerade so, wie wenn man den Genderstern durch Wortungetüme sie Bürger*innenmeister*innenkandidat*innenvorstellung oder Bräut*igamspaar der Lächerlichkeit preisgeben will.
    😉

    Herzliche Grüße Linus

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    • Hallo Linus,

      danke für deinen ausführlichen und sachlichen Kommentar. Dass ich ihm an sehr vielen Stellen überhaupt nicht zustimme, wirst du dir denken können 🙂 Nur schnell zwei Punkte: Der Aussage, dass das Video von Alicia Joe ohne Polemik auskommt, möchte ich absolut widersprechen. Es strotzt vor Polemik, die nur oberflächlich hinter angeblicher Sachlichkeit versteckt ist. Und was das Spalten angeht: Da lohnt sich ein Blick darauf, wer (mal wieder) das Spalten vorantreibt. https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/der-genderwahn-der-afd/ Die Diskussion geht nämlich nur selten von denen aus, denen das Gendern wichtig ist. Dafür wird es sehr massiv von denen vorangetrieben, die anderen das Gendern verbieten wollen.
      Viele Grüße,
      Birgit

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  3. Ebenfalls in aller Kürze:
    1. Die Polemik habe ich in der Tat nicht wahrgenommen. Die vielen Kommentare unter dem Video haben es auch nicht getan.
    2. Ist es ziemlich beliebt (und auch billig), Genderkritiker in die rechte Ecke zu stellen. Dann erspart man sich eine Auseinandersetzung in der Sache. Auch der Verweis auf Alter, Hautfarbe und Geschlecht der Kritiker wird gerne genommen.
    3. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, die Auseinandersetzung zu befeuern. Die Wahrnehmung, welche Seite die Spaltung stärker vorantreibt, ist ebenfalls vom eigenen Vorverständnis abhängig. Ich z.B. kenne keine Hochschule, die das Gendern verbietet, aber genügend, die es dringend empfehlen. Auf Grünen-Parteitagen musst du Anträge gendern (Standardform ist der *), sonst werden sie nicht behandelt.
    4. Falls du mal mehr Zeit und Lust hast, würde ich mich darüber freuen, wenn du mir schilderst, an welchen Stellen du mit welchen Argumenten / Gründen nicht übereinstimmst.

    Viele Grüße Linus

    Antworten

  4. Hallöchen, ganz gut argumentiert, aber das kann man nat.. genau wie dasYoutube Video auch entkräften, bspw. der Sprachwandel, Sprachwandel passiert, weil die Sprecherinnen und Sprecher ihre Sprache vereinfachen in der Regel oder wenn etwas ein hohes Prestige hat, wie derzeit die englische Sprache. Jeder sagt heute “cool”, weil die Leute es eben mögen. Das erste Kriterium Vereinfachung ist nat. bei der Gendersprache nicht gegeben, bei der Bewertung ist die Mehrheit eher ablehnend eingestellt, keine guten Voraussetzungen für einen Sprachwandel, würde ich sagen. Ich würde für die Doppelnennung “Bürgerinnen und Bürger “ plädieren, da hier beide Geschlechter genannt werden und eine feierlich anmutende Entschleuningung statt findet,…das Gegenargument wäre ja, dass dann Transpersonen nicht erwähnt würden…aber hier könnte ja auch eine gewisse Bescheidenheit dieser Gruppe gut tun, denn es muss ja abgewogen werden, ob ein gigantisches System und ästhetisches Kulturgut wie die deutsche Sprache wegen 0,5 % der Bevölkerung grundlegend umgebaut werden sollte, könnte man nicht auch sagen, wenn ich Teile von Mann UND Frau in mir habe, dass ich mich dann von beiden Bezeichnungen angesprochen fühle? Die Frage ist auch, wie viele der Nicht-binären Personen überhaupt diese kolossale Sprachumwälzung fordern? Oder ob es nicht nur ein paar Tausend Aktivist*innen sind? Das wäre empirisch zu ermitteln…Hier habe ich jetzt gerade auch mal gegendert aus konzeptueller Höfflichkeit. Das Sternchen ist ja ganz süß, aber auch nur in der Schriftsprache, in der gesprochenen Sprache entsteht eine unnatürliche Pause, durch eine Pause repräsentiert zu werden, kann doch nun wirklich keine Ehre für diese Gruppe sein, correct me if I’m wrong….also beste Lösung scheint mir die Doppelnennung oder neutrale Begriffe wie Lehrkraft, aber diese sind auch oft etwas dröge….

    Antworten

    • Lieber Johannes,
      Ich kann nicht für Transpersonen und nonbinäre Menschen sprechen. Ich kann dir aber versichern, dass sie in ihrem Alltag eine Menge „Bescheidenheit“ an den Tag legen müssen, um einfach ein normales Leben zu führen.
      Ich glaube, du hast nicht ganz verstanden, was Sprachwandel bedeutet. Menschen verwenden Sprache so, wie es ihnen richtig erscheint oder sie Freude daran haben. Ich zum Beispiel MÖCHTE gendersensible Sprache verwenden. Mir hat das niemand vorgeschrieben. Wenn ich damit die einzige bin, dann gibt es wohl keinen Sprachwandel. Wenn es viele Menschen gibt, die das so handhaben, dann findet über die Zeit ein Wandel statt. So einfach.
      Wenn du „Lehrkraft“, „Lehrerinnen und Lehrer“ oder einfach „Lehrer“ sagen möchtest, dann kannst du das ja tun. Und ich schreibe eben „Lehrer*innen“.
      Viele Grüße,
      Birgit

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  5. Vielen Dank für diese Gegenpostition zum Video, hat mir sehr gut gefallen!
    Bin durch deinen Text zu einem besseren Verständnis der gendersensiblen Sprache gekommen und der Abschnitt zum Sprachwandel hat mich an den Deutschunterricht an der Schule erinnert. Auch da ging es um die Frage, ob es einen Sprachwandel gibt und wie dieser bewertet wird.
    In diesem Zusammenhang ist mir auch ein Beispiel schönes Beispiel in den Sinn gekommen: „Da Mensch is wiar a oide Hosn, auf de Gnia wead a zeaschd hie.“ Welche Sprache ist das und wer spricht die?
    Das ist bayrisch und Menschen sprechen diesen für mich furchtbar unverständlichen Quatsch wirklich 😉 Interessant ist aber die Bewertung von Dialekten oder Redewendungen je nach Milleu der Sprecher:innen, bayrisch ist was tolles, aber doch nicht diese Jugendsprache…
    Und ich finde das Gendern geht auch in diese Richtung, es wird momentan auch einer gewissen Gruppe von Menschen zugeschrieben, die oft als elitär und weltfremd beschrieben (was ich aus persönlicher Erfahrung nicht bestätigen kann).
    Persönlich denke ich, dass das Gendern irgendwie seinen Weg in die deutsche Sprache finden wird und genauso wie bei vielen Wörtern und Dialekten setzt sich etwas mehr oder weniger durch, aber die Aushandlung der Bedeutung von Sprache bleibt bestehen und ist wichtig.

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    • Hallo Jesper,
      danke für deinen Kommentar! Ja, ich denke auch, dass genau das richtig und wichtig ist. Was sich am Ende durchsetzen wird, werden wir sehen.
      Viele Grüße,
      Birgit

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  6. Liebe Birgit,
    ich verfolge die Diskussion zur Gendersprache auf Deutsch mit großem Interesse. Danke für diesen ausführlichen und für mich sehr einleuchtenden Beitrag.

    Schöne Grüße

    Marta

    Antworten

    • Liebe Marta,

      sehr gerne! Es freut mich, dass er dich ein Stückchen weitergebracht hat.

      Viele Grüße,
      Birgit

      Antworten

  7. Erst mal vielen Dank für diesen Beitrag. Ich finde es gut, wenn sich Leute mit diesem Thema beschäftigen, vor allem, wenn sie das kritisch tun und sich auch mit Kritik an geschlechtsbezogener Sprache auseinandersetzen.

    Ich finde es aber sehr schade, dass du den Vorschlag von Alicia Joe einfach als „naiv“ abtust. Du begründest das damit, dass dieser Vorschlag „nicht realisitsch“ sei. Das bedient ein sehr altes narrativ, das bereits bei Luise Pusch vorkam, und das vielleicht früher noch gerechtfertigt war, aber in der Regel sehr schlecht bis gar nicht begründet ist. Auch in deinem Text vermisse ich eine tiefergehende Begründung.

    Du behauptest, Sprache mache „keine solchen Rückschritte“. Diese Argumentation finde ich gerade aus der Perspektive eines Genderbefürworters geradezu grotesk. Was ein „Forschritt“ und was ein „Rückschritt“ ist, ist doch ein völlig subjektives Kriterium, das wir selbst entscheiden können. Aus meiner Perspektive ist Gendern ist das Festhalten an der „innen“-Movierung, die längst nicht mehr unseren Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft entspricht und im Laufe des 20. Jahrhundets übrigens zunehmendst weniger wurde (ein Tend, der sich in der Umgangssprache möglicherweise sogar fortsetzte, nachdem das Gendern aufkam – zumindest kam im Jahr 2013 im Sprachgebrauch jüngere Menschen deutlich stärker als bei älteren Menschen vor, dass eine Frau als „Linguist“ oder „Student“ bezeichnet wird bzw. sich selbst so bezeichnet: https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/62382/1/Schr%C3%B6ter_Ich_als_Linguist.pdf).

    Genau der Sprachwandel, den du als „unrealistisch“ und „naiv“ kritisierst, ist in etlichen Sprachen bereits passiert – einschließlich Englisch, Dänisch, Norwegisch und Niederländisch. Die mussten dafür auch nicht ihre Sprache „neu erfinden“.

    In welchen Sprachen ist es denn der umgekehrte Fall eingetreten, dass die Geschlechtsbezüge über die Zeit stärker wurden? In welcher Sprache ist der Wandel eingetrete, dass die Menschen längere und kompliziertere Formulierungen verwenden? Das widerspräche allen Beobachtungen, die wir über den Sprachwandel gemacht haben. Demnach vereinfacht sich Sprache im Laufe der Zeit und wird kürzer.

    Doppelnennungsformen wir „Damen und Herren“, „Bürgerinnen und Bürger“ oder „Volksgenossinnen und Volksgenossen“ waren noch nie fortschrittlich, sondern sind Überbleibsel aus ganz alten Zeiten, in denen Geschlechter stets getrennt werden mussten. Diese Anforderung verträgt sich nicht mit den modernen Anforderungen unserer Gesellschaft. Es ergibt keinen Sinn, für geschlechtsneutrale Personalausweise, aber gleichzeitig für geschlechtsbezogene Sprache zu sein.

    Geschlechtsbezogne Sprache hat übrigens noch viel mehr diskriminierende Effekte, als in Alicias Video gar aufgeführt werden, die vor allem Frauen und Nichtbinäre betreffen – weiter ausgeführt ist das in diesem Text: https://einself.blog/artikel/ist-gendern-inklusiv/

    Am Ende deines Textes wirfst du Alicia Joe vor, ihr Vorschlag sei „eine Ausrede dafür, nichts ändern zu müssen“. Das finde ich vor allem deshalb etwas unglücklich, weil den Beitrag viele konservativen Argumentationen enthält: Du argumentierst damit, das Bemühen um die Inklusion von Sprachanfängern sei ohnehin sinnlos, die deutsche Sprache sei so schwer dass man sich gar nicht erst darum zu bemühen brauche. Du argumentierst damit, ihr Vorschlag sei nicht realistisch, weil man das in den letzten Jahrzehnten halt anders gemacht hätte. Du behauptest zwar, den Unterschied zwischen Genus und Sexus verstanden zu haben (und sagst sogar, das hätte „nie jemand behauptet“ – offenbar kennst du die Seite der Gender-Befürworter sehr schlecht, was auch in deinen Behauptungen, keiner würde anderen das Gendern vorschreiben wollen deutlich wird, denn die federführenden Gender-Befürworter wie Anatol Stefanowitsch behaupten genau das), argumentierst aber später im Text wieder genau damit („Wenn es eine geschlechtsneutrale Endung geben soll, dann kann das nicht diejenige sein, die „zufällig“ auch die männliche ist“.)

    Versteh mich nicht falsch, es ist völlig in Ordnung, konservativ zu argumentieren. Es geht mir um die Unterstellung (die ich übrigens auch einer konservativen Argumenation gegenüber nicht fair fände). Du genderst selbst, offenbar seit Jahren, unterstellst aber Alicia Joe, sie wolle nichts ändern. Aber Alicia Joes Video steht für eine Änderung ein, weil sie mit dem Status Quo unzufrieden ist. Sie legt echte Probleme dar, die beispielweise durch ein uneinheitliches Gendern entstehen. Und sie präsentiert eine Lösung, die dir zu progressiv ist.

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  8. Ich finde es super, dass sich mit dem Thema beschäftigt wird, dass Frauen gleichberechtigt werden sollen. Immerhin war früher der Mann nun einmal der Hauptverdiener, es gab nur den Bürgermeister, etc … das hat sich geändert. Und das ist gut so!

    Ich fühle mich als Frau überhaupt nicht in der Sprache benachteiligt und habe auch eine führende Position in meiner Firma (obwohl ich im Bereich Maschinenbau arbeite).

    Mir wird nicht ganz klar, was man hofft durch das Gendern zu erreichen. Der Satz in dem Beitrag
    „[…] lassen, ihm:ihr seien Migrant:innen, Obdachlose […]“ musste ich zweimal lesen, weil ich den Sinn erst verstehen musste.

    Warum muss man „ihm“ eigentlich gendern?
    „Der Mensch = ihm“ … oder nicht?

    Natürlich bin ich kein Experte im Gendern, aber ich denke es wäre superschwer eine eiheitliche Genderung zu finden. Wenn ich in einer Partnerschaft lebe, muss dieses Wort dann auch gegendert werden? Immerhin kann ich ja auch mit einer Partnerin zusammenleben. Also Partner:innen-schaft?

    Alicias Video hat gute Ansätze und zeigt die Probleme der Gesellschaft. Was ist denn mit den Menschen, die sich als divers fühlen und eben nicht zugeordnet werden wollen. Warum gibt es für die denn keine Endung?

    Die Studie zum Thema „dass Mädchen im Grundschulalter sich Berufe eher zutrauen, wenn sie die weibliche Form des Wortes kennen“ finde ich nicht aussagekräftig. Denn nehmen sie diese Jobs denn wirklich auch an, mehr als die Mädchen, die eben nicht zur Testgruppe gehörten? Ich bezweifle es.

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