
Machst du beim Thema Gendersprache die gleichen Fehler wie dieser Unternehmer?
Vor ein paar Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Unternehmer über das Thema Gendersprache. Er fand das Thema grundsätzlich schon wichtig, aber irgendwie auch schwierig, komplex und „manchmal ganz schön übertrieben“. Da stimmte ich ihm sogar halbwegs zu. Aber dann sagte er etwas, das in mir noch nachhallt:
„Ich frage dann oft, ob wir nicht einfach Mitarbeiter sagen können. Wir haben ja trotzdem alle lieb. Und das ist dann eigentlich auch immer okay.“
Ja? Ist es das wirklich? Ich zweifle!
In diesem Satz stecken gleich mehrere Missverständnisse rund um Gendersprache. Zum Beispiel dass Menschen sich „liebgehabt“ fühlen wollen, wenn sie sich Repräsentation in der Sprache wünschen. Dass Schweigen immer Zustimmung ist. Und dass mit einem solchen Satz das Thema erledigt ist, weil man es ja erwähnt und nachgefragt hat.
Leider stimmt das alles nicht und diese Missverständnisse können gerade im beruflichen Kontext zu einem echten Problem werden. Ich erkläre dir, warum:
Missverständnis 1: Du kannst nicht NICHT gendern
Vielleicht kennst du den bekannten Satz von Paul Watzlawick: „Du kannst nicht NICHT kommunizieren.“ Er meint Folgendes: Ob du zu einem Thema Stellung beziehst oder nicht, welche Worte zu wählst, wann oder wie du auf eine Kontaktaufnahme antwortest, alles das sendet Botschaften. Ist eine Kommunikation einmal in irgendeiner Weise angebahnt (und dafür reicht schon ein zufälliges gegenseitiges Bemerken), dann ist es unmöglich, nicht zu kommunizieren.
Ganz ähnlich ist das beim Thema Gendersprache. Egal, wie du damit umgehst: Es sagt etwas aus. Über dich, deine Werte und deine Zielgruppe.
Lies den letzten Absatz noch mal! Diese Tatsache wird nämlich von sehr vielen Menschen unterschätzt.
Noch vor 10 Jahren hatte es keine besonders starke Aussage, das generische Maskulinum zu verwenden. Es war eben doch noch irgendwie „normal“. Ein erklärender Satz, man meine ja trotzdem alle mit, reichte dann vielleicht aus. Doch das ist längst nicht mehr so.
Du kannst dem Thema Gendersprache nicht ausweichen, indem du einfach alles machst wie immer. Du sendest mit jeder Variante Botschaften und ziehst bestimmte Menschen an, während du andere abstößt. Und das solltest du gerade im beruflichen Kontext unbedingt bewusst entscheiden.
Missverständnis 2: Schweigen heißt nicht Zustimmung, auch beim Thema Gendersprache
„Dann ist es eigentlich immer okay, nicht zu gendern …“ Das bezweifle ich! Man stelle sich doch nur einmal kurz diese Situation vor: Der Chef formuliert, man „habe ja alle lieb“ und ob es nicht bitte auch in Ordnung wäre, wenn man nicht gendern wolle.
Bei solchen Fragen stimmen üblicherweise sofort viele Menschen zu. Erstens, weil es eben der Chef ist, der diese Frage stellt. Zweitens, weil es ja auch irgendwie nett und niedlich formuliert ist. Und drittens, weil auch viele andere keine Notwendigkeit zum Gendern sehen oder sogar froh sind, wenn sie sich damit nicht beschäftigen müssen.
Aber ich bin sicher, dass es auch in diesem Unternehmen Personen gibt, die sich durch das generische Maskulinum nicht „mitgemeint“ fühlen. Denen es wichtig wäre, in der Sprache sichtbar zu werden. Ob diese sich dann in einer solchen Situation beschweren, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Wer steht da schon auf und besteht auf Gendersprache, die dann womöglich augenrollend und ungeschickt umgesetzt wird, während alle anderen genervt sind, dass man jetzt wegen EINER Person so einen Aufriss machen muss? Die meisten wohl eher nicht.
Viele Menschen, die sich nicht repräsentiert fühlen, bleiben bei einer solchen Frage still. Aber sie speichern ab, dass dem Chef und einem guten Teil der Mitarbeitenden nicht wichtig ist, ob sie sich gesehen fühlen. Und das kann für beträchtliche innere Distanz zum Unternehmen sorgen, mit negativen Wirkungen in Bezug auf Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen. Klingt übertrieben? Diese Zusammenhänge sind aber wissenschaftlich bestätigt, sogar schon vor fast 15 Jahren.
Missverständnis 3: Gendersprache hat nichts mit „Liebhaben“ zu tun, sondern mit Repräsentation
„Wir haben ja trotzdem alle lieb …“ Diese Aussage war wirklich nett gemeint und sie ist ja auch irgendwie niedlich. Aber genau da liegt das Problem. Sie beinhaltet nämlich die Sichtweise, es ginge irgendwie um Wohlfühlen. Um Gehätscheltwerden. Um Befindlichkeiten. Um den Wunsch nach Liebe und Zuwendung.
„Lieb haben“ ist ein Ausdruck, den man in erster Linie im Zusammenhang mit Kindern verwendet. So nett es gemeint sein mag: Das macht ein wichtiges gesellschaftliches Thema klein und auch ein wenig lächerlich. Genau das erleben Frauen* in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Und – um nur von mir selbst zu sprechen – ich bin es leid.
Beim Thema Gendersprache geht es nicht um Freundlichkeit, sondern um Sichtbarmachung. Um die sprachliche Repräsentation der Tatsache, dass es eben nicht nur Männer gibt, sondern auch Frauen und nonbinäre Menschen.
Das lange gewohnte „Mitmeinen“ funktioniert nachweislich nicht. Das merkst du an folgendem Beispielsatz:
„Von den 5 anwesenden Anwälten trugen drei einen Rock und zwei einen Anzug.“
Höchstwahrscheinlich sind vor deinem inneren Auge erst einmal Männer im Rock erschienen, bevor du auf die Idee gekommen bist, dass auch Frauen mitgemeint sein könnten.
Es gibt inzwischen eine ganze Menge Studien, die diesen Effekt belegen und noch weitere Probleme des generischen Maskulinums zeigen:
- Mädchen, die nur männliche Berufsbezeichnungen kennen, trauen sich weniger zu, „Arzt“ oder „Pilot“ zu werden.
- In Stellenausschreibungen mit rein männlicher Bezeichnung werden Frauen* im Bewerbungsprozess schlechter beurteilt.
- Und selbst in klar frauendominierten Berufen stellt man sich bei der rein männlichen Sprachform viel häufiger Männer als Frauen vor.
Diese Dinge sind wichtig. Das generische Maskulinum ist kein reiner sprachlicher Zufall. Er ist aus einer Zeit entstanden, als Frauen in der Gesellschaft fast unsichtbar waren. Gendersprache ist ein Baustein im Prozess, diese Ungerechtigkeiten endlich aufzulösen.
(Falls du jetzt denkst, dass es diese Geschlechter-Ungerechtigkeiten doch gar nicht mehr gäbe, dann lies bitte unbedingt meinen Artikel „Ist Feminismus nicht längst unnötig?“. Tu es jetzt!)
Wichtig im Berufsalltag: Gendersprache ist eine Frage der Zielgruppe
Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, mit Gendersprache umzugehen, zum Beispiel diese:
- das generische Maskulinum: „Mitarbeiter“
- die Doppelnennung: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“
- das Binnen-I: „MitarbeiterInnen“
- geschlechtsneutrale Formulierungen: „Mitarbeitende“
- Gendersternchen und andere Sonderzeichen: „Mitarbeiter*innen“, „Mitarbeiter:innen“, „Mitarbeiter_innen“
- experimentelle grammatische Formen wie das E- oder Y-System: „Mitarbeitere“, „Mitarbeitys“
Keine dieser Formen ist neutral. Sie alle sagen etwas über dich aus. Deshalb solltest du dich bei deiner schriftlichen und mündlichen Kommunikation unbedingt bewusst entscheiden, welche Botschaften du senden willst.
Der wichtigste Faktor dabei ist deine (Wunsch-)Zielgruppe. Als Faustformel könnte man sagen:
Je konservativer, männlicher und älter deine Zielgruppe ist, umso weiter oben in dieser beispielhaften Liste kannst du dich aufhalten.
Je progressiver, weiblicher/diverser und jünger deine Zielgruppe ist, umso weiter unten solltest du dich einfinden.
Ich persönlich bin seit Anfang des Jahres wieder vom Doppelpunkt auf das Gendersternchen umgestiegen. Warum das für mich der richtige Weg ist, habe ich hier erklärt.

Das! Vielen Dank für diesen Beitrag!
Eine Ergänzung zum Thema „Du kannst nicht NICHT gendern“, die es nochmal tiefer einsinken lässt: Durch ein generisches Maskulinum hat man sich nicht GEGEN das Gendern entschieden (wie von Personen, die reflexartig gegen das ach so böse Gendern wettern, so gerne betont), sondern DAFÜR, eben ausschließlich männlich zu gendern.
Weswegen von vielen Menschen, die inklusive Sprache befürworten, auch manchmal der Begriff „ent-gendern“ verwendet wird. „Menschen, die inklusive Sprache befürworten“ war zum Beispiel eine Formulierung, die ent-gendert: benennt kein Geschlecht, entfernt diese Variable gleichermaßen aus dem Inhalt des Satzes. „Gender-Befürworter:innen“ hätte ich hier ebenfalls wählen können, ebenfalls inklusiv – und diese Formulierung benennt aktiv und bewusst alle Geschlechter.
Wie du geschrieben hast: Es ist eine Frage der Entscheidung. Was möchte ich aussagen? Immer. Diese Entscheidung fällen wir IMMER, mit jeder einzelnen Formulierung.
Liebe Lily,
vielen Dank, das ist eine sehr wichtige Ergänzung! Letzten Endes muss es meiner Ansicht nach auf eine noch viel stärkere Entgenderung in der Sprache hinauslaufen, aber davon sind wir noch weit entfernt.
Viele Grüße
Birgit
Dankeschön für diesen Beitrag. Auch wenn ich selbst noch nicht immer alles so umgesetzt bekomme, wie ich gerne möchte. Die Jahrzehnte lange Prägung wirkt hier leider nach, aber ich arbeite daran.
Dein Text hat mir allerdings sehr schöne Beispiele und Tipps gegeben wie ich argumentieren kann, wenn ich in einer Diskussion über dieses Thema nicht mehr weiterkomme und mich mit solchen Aussagen konfrontiert sehe, wie du sie auch beschreibst. Vielen Dank
Liebe Angelika,
ich bekomme es auch bei Weitem nicht immer perfekt umgesetzt. Ich glaube, das muss auch nicht der Anspruch sein.
Es freut mich sehr, dass ich dir ein paar passende Argumente für die nächste Diskussion zurechtlegen konnte 🙂
Viele Grüße
Birgit
Liebe Birgit,
Danke für deinen Artikel. Ich stimme dir absolut zu. Wie wir kommunizieren hat immer eine Bedeutung und das gilt auch für das Gendern. Vielen Dank auch für den Link zu deinem Artikel über die verschiedenen Möglichkeiten.
Ich war mir der Unterschiede bei den Sonderzeichen nicht bewusst und werde nun auch vom Doppelpunkt zum Asterisk wechseln.
Liebe Grüße
Lea
Liebe Lea,
vielen Dank für deinen netten Kommentar! „Wie wir kommunizieren, hat immer eine Bedeutung.“ Genau das! Und dass du noch etwas lernen konntest und jetzt sogar selbst zum Sternchen wechselst, freut mich ganz besonders 🙂
Viele Grüße
Birgit
Liebe Birgit, vor allem fand ich deinen Hinweis wichtig, dass es nicht um „liebhaben“ geht. Wie oft kommen Entschuldigungen so daher „Es tut mir leid, wenn ich Gefühle verletzt habe“
Dabei geht es oft um strukturelle Ungerechtigkeit und manchmal um ganz materielle Dinge wie weniger Geld für gleiche Arbeit. Und dann wird das so als Emotionsdings abgewedelt.
Ich freue mich immer, wenn ich so klar formulierten Feminismus online lese, vielen Dank!
Liebe Grüße
Angela
Liebe Angela,
genau, das ist ein Riesenproblem! Da spricht man etwas Grundsätzliches, Strukturelles an und plötzlich diskutiert man auf der Basis von Befindlichkeiten. Dieses Kleinmachen und Persönlich-Machen ist natürlich kein Zufall, selbst wenn es noch so nett gemeint ist.
Viele Grüße
Birgit
Liebe Birgit!
Danke für diesen Artikel. Ich lebe in einem Mänberhaushalt (Mann, 2 Söhne) und dieses Thema wird dort sehr restriktiv behandelt. Um die Problematik deutlich zu machen, zitiere ich immer den Satz (keine Ahnung von wem er ist): Herr Scholz möchte jetzt Bundeskanzlerin werden! Das macht das Problem für meine Männer anschaulich.
Aber auch ich muss immer wieder bewusst daran arbeiten und ich selbst habe noch nicht meine Methode gefunden. In deinem Artikel gibt es ja noch Links, die das Thema vertiefen.
Liebe Birgit,
vielen Dank für diesen wichtigen Artikel! Das Thema „Gendergerechte Sprache“ steht auch auf meiner Liste von Blog-Themen.
Was ich an mir selbst beobachte: Bei mir hat sich die Haltung zur gendergerechten Sprache mit dem Älterwerden verändert. In der „Aufbruchsstimmung“ der Jugend war es mir längst nicht so wichtig wie heute. Das wäre auch ein ergründenswertes Thema: Ich bin jedenfalls immer weniger bereit, nur „mitgemeint“ zu sein, je älter ich werde (und je stärker die reaktionär-konservativen Kräfte werden).
Das elendige „mitgemeint“ ist ja auch so ein reines Lippenbekenntnis. Das kann man ja hinterher immer schnell sagen. Und auch wenn das jetzt radikaler klingt, als ich es eigentlich meine: Auch wer erstmal damit zufrieden ist, „mitgemeint“ zu sein, hat ein Recht darauf, wirklich wahrgenommen und wertgeschätzt zu sein – für das, was sie selbst ist, bzw. die Gruppe, zu der sie gehört.
Ich bin sehr froh, dass das Glücksrad mir heute deinen Artikel „angedreht“ hat!
Liebe Grüße von einer anderen Birgit
Liebe Birgit, ja, so geht es mir auch! Ich glaube, viele Frauen werden mit zunehmendem Alter immer weniger bereit, sich einzufügen und mit wenig zufriedenzugeben. Ich halte das für eine sehr gute Entwicklung 😀 Freut mich sehr, dass dir mein Artikel (und auch die anderen) gefallen hat! Viele Grüße, Birgit