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ADHS = Modediagnose? Diese 6 Gründe sprechen dagegen

Aquarellhintergrund, grafische Darstellung eines Gehirns mit Kringeln, Schriftzug: "ADHS = Modediagnose? 6 Gründe, die dagegen sprechen" (Titelbild zum gleichnamigen Blogartikel)

ADHS ist alles andere als eine Modediagnose!

ADHS? Modediagnose! Diesen Vorwurf höre ich ständig, in unterschiedlicher Form:

Naja, ADHS ist ja auch ziemlich in gerade.“

Heutzutage will ja jeder ADHS haben.“

Früher waren Kinder einfach lebendiger, heute haben sie sofort ADHS.“

Mich ärgert diese Vorverurteilung von ADHS als Modediganose maßlos, weil sie Betroffene abwertet und ihre Probleme kleinredet. Außerdem verkennt sie ganz grundlegend, welche Gründe es für vermehrte ADHS-Diagnosen gibt.

Dich nervt die Gleichsetzung „ADHS = Modediagnose“ auch? Dann findest du in diesem Artikel die passende Diskussionsgrundlage.

Grund 1: ADHS ist wissenschaftlich belegt

Seit Jahrzehnten gibt es unzählige Studien zum Thema ADHS. Und schon weit davor wurden typische Störungsbilder beschrieben. Man denke nur an den Zappelphillip oder den Hans-guck-in-die-Luft.

ADHS ist schon sehr lange Teil der medizinischen Forschung. Es wird in den internationalen Klassifikationen (DSM und ICD) ausführlich beschrieben, und zwar schon seit den 80er Jahren. Erste wissenschaftliche Beschreibungen gibt es schon aus dem 18. Jahrhundert.

Wer ADHS als Modediagnose bezeichnet, verkennt diese lange Wissenschaftsgeschichte. ADHS ist kein Trend, sondern ein schon lange beschriebenes Problem vieler Menschen.

Grund 2: Neue Erkenntnisse machen mehr ADHS-Fälle sichtbar

In den letzten Jahren hat es einige bahnbrechende Erkenntnisse in der Forschung rund um ADHS gegeben. Die wichtigsten sind meiner Meinung nach diese 4:

ADHS ist nicht immer durch äußere Hyperaktivität erkennbar.

Es gibt auch stillere, unauffälligere Formen. Diese „stören“ das Umfeld weniger, sorgen aber für genauso viel Leid bei den Betroffenen.

–> Man hat also einen großen Teil von ADHS-Fällen sehr lange übersehen, die man nun besser erkennt und in der Diagnostik berücksichtigt.

ADHS kommt nicht nur bei Jungen vor.

Viele Mädchen fallen nur weniger auf oder ihre Symptome werden anders bewertet. Sie sind also nicht seltener betroffen, aber sie wurden und werden viel seltener diagnostiziert.

–> Seit man das weiß, werden viel mehr Mädchen und Frauen diagnostiziert, die vorher durchs Raster gefallen sind und oft jahrzehntelang nicht wussten, was mit ihnen eigentlich los ist.

ADHS „verwächst“ sich nicht in der Pubertät.

Die Neurodiversität bleibt bestehen und bei vielen Menschen auch die Symptomatik. Man lernt nur, sie besser zu verstecken und zumindest nach außen hin leichter damit umzugehen.

–> Auch Erwachsene mit ADHS werden nun leichter diagnostiziert, weil man mehr darüber weiß, wie sich die Symptome bei ihnen zeigen und welche oft unbemerkten Probleme sie noch immer haben können.

ADHS und Autismus sind keine Ausschlussdiagnosen.

Ganz im Gegenteil: Sie kommen sehr häufig gemeinsam vor. Das macht die Symptome nach außen hin oft unauffälliger, nach innen aber noch viel belastender.

–> Eine große Gruppe von ADHSler*innen, die lange Zeit von der Diagnose ausgeschlossen waren, werden nun doch diagnostiziert.

Es mag so aussehen, als würden plötzlich überall Menschen mit ADHS diagnostiziert werden, die bisher völlig unauffällig waren. Ich kann euch aber aus eigener Erfahrung sagen: Das waren wir nie. Wir kämpfen seit Jahrzehnten mit dem Alltag und wissen nur nicht warum. Dass wir das nun erfahren und Unterstützung bekommen können, macht unser Leben sehr viel leichter und besser.

Grund 3: ADHS-Diagnosen ziehen weitere ADHS-Diagnosen nach sich

ADHS gehört zu den am stärksten genetisch beeinflussten psychischen oder neuroentwicklungsbezogenen Diagnosen überhaupt.

Das bedeutet: ADHS ist vererbbar as fuck.

Und das wiederum bedeutet: Wenn dein Kind ADHS hat (oder dein Bruder, deine Mutter, deine Nichte, …), dann lohnt es sich, auch bei dir selbst mal genauer hinzuschauen.

Diese Erkenntnis verbreitet sich (zum Glück) immer mehr. Und das führt dazu, dass vermehrt ADHS-Diagnosen auffallen, die vorher unbemerkt geblieben sind. Der klassische Weg ist zur Zeit dieser: Ein Kind bekommt die ADHS-Diagnose, die Eltern beschäftigen sich intensiver mit dem Thema und plötzlich geht ihnen ein Licht nach dem anderen auf …

Ein zweiter Faktor sind Häufungen innerhalb von Freundeskreisen. Man braucht nichts zu beschönigen: Wir sind speziell. Wir vergessen deinen Geburtstag, unterbrechen dich im Gespräch, haben komische Interessen und reagieren übermäßig stark auf Kritik. Das bedeutet nicht, dass wir mit neurotypischen Menschen generell nicht klarkommen würden. Aber untereinander funktioniert das Verständnis oft noch viel besser. Gleich und gleich gesellt sich gern, sagt man ja. Und das zeigt sich in vielen Freundeskreisen. Wenn da dann mal die ersten ihre ADHS-Diagnose haben und darüber sprechen, kann das Kreise ziehen. Nicht etwas deshalb, weil andere „nachziehen“ wollen und das ADHS irgendwie cool wäre (ist es nicht). Sondern weil sie sich plötzlich selbst besser verstehen und einen möglichen Grund für ihre Besonderheiten finden, dem sie dann genauer nachgehen.

Grund 4: ADHS ist viel häufiger, als man dachte

ADHS betrifft etwa 5 Prozent aller Kinder und etwa 3 Prozent aller Erwachsenen. Mindestens.

Das ist jedes 20. Kind und jeder 33. Erwachsene.

Mindestens ein Kind mit ADHS pro Klassenzimmer.

Ca. 600.000 Kinder und 1,5 Millionen Erwachsene mit ADHS in Deutschland.

Wenn man sich diese Zahlen anschaut, dann wird klar: Es werden nicht „zu viele“ Menschen mit ADHS diagnostiziert, sondern es haben noch längst nicht alle ihre Diagnose, die sie vielleicht bräuchten.

Grund 5: Mehr Wissen über ADHS bedeutet auch mehr Diagnosen

Menschen mit ADHS werden sichtbarer. Sie zeigen sich in den sozialen Medien, sie sprechen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis darüber, sie schreiben Bücher und Blogs, machen Podcasts und treffen sich zu Stammtischen. Sie verstecken sich nicht mehr und das ist sehr, sehr gut so.

Das bedeutet gleichzeitig: Es gibt viel mehr Wissen und Erfahrungsberichte über ADHS. Und das wiederum bringt andere Betroffene dazu, diese Diagnose für sich in Erwägung zu ziehen.

Grund 6: Der Diagnoseprozess ist langwierig und schwierig

Bei der Gleichsetzung „ADHS = Modediagnose“ schwingt immer die Vorstellung mit, man bekäme die Diagnose quasi nachgeworfen. Man müsse nur einmal erwähnen, dass man sich nicht gut konzentrieren kann, und schon bekäme man den passenden Stempel und natürlich die lustigen Medikamente.

Das Gegenteil ist der Fall: Viele Betroffene müssen erst mal von selbst auf die Idee kommen, dass sie ADHS haben könnten. Dann folgt typischerweise ein langer Recherche- und Reflexionsprozess, bevor man mal irgendeine Fachperson anspricht. Wenn man denn überhaupt eine findet, die Termine vergibt. Der Diagnoseprozess ist dann sehr langwierig, aufreibend und schwierig. Und nicht selten ziemliche Glückssache, weil noch längst nicht alle Fachpersonen auf dem aktuellen Stand der Forschung sind, wodurch ein falsches „Nein“ sehr viel häufiger vorkommen dürfte als ein falsches „Ja“.

ADHS-Diagnosen werden nicht verschenkt oder leichtfertig verteilt, sondern müssen oft hart erkämpft werden.

Fazit

ADHS ist keine Modediagnose. Es ist eine reale, neurobiologische Besonderheit, die Millionen Menschen betrifft. Dass mehr darüber gesprochen wird, ist kein Trend, sondern ein längst überfälliger Fortschritt.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen wichtigen Artikel, Birgit! Mir ist diese Vorverurteilung von ADHS als Modediganose erst vor ein paar Tagen in einem anderen instagram-Beitrag begegnet. Manche sind einfach so schnell darin, ohne dass sie darüber nachdenken, was es für die Betroffenen bedeutet. Deshalb ist es so wichtig, aufzuklären. Danke dafür! Liebe Grüße, Denise

    Antworten

    • Liebe Denise,
      ja, das erlebe ich leider immer wieder, diese Vorverurteilung, ohne irgendeine Ahnung zu haben. Dabei wäre es so viel schlauer, den Betroffenen einfach kurz zuzuhören 🙂
      Viele Grüße
      Birgit

      Antworten

  2. Sehr wertvolle und wichtige Perspektive auf das Thema. Es ist gut, dass ADHS als der Nische ins Rampenlicht tritt. Ich kenne so viele Menschen, die lange Zeit still vor sich hin gelitten haben und nun endlich wissen, woher die „Auffälligkeiten“ kommen.

    Antworten

    • Liebe Katja, vielen Dank für deinen Kommentar! Genau, dieses stille Vor-sich-Hinleiden, ohne zu wissen, was los ist, das ist so schmerzhaft und schwierig. Genau deshalb ist es auch im Erwachsenenalter für viele noch so wichtig, eine Diagnose zu bekommen. Dann kann man nämlich plötzlich ganz anders mit den Besonderheiten umgehen. Liebe Grüße, Birgit

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