
ADHS-Erfahrungsbericht: Gaby erzählt, wie es ihr mit ihren Medikamenten geht
Erinnerst du dich an meine Freundin Gaby? Sie hat hier in meinem Blog schon einmal über ihre Depressionen und ihre ADHS-Diagnose geschrieben. Damals stand sie gerade an der Schwelle zur endgültigen Diagnose und es war noch offen, ob sie ADHS-Medikamente nehmen darf. Inzwischen hat sich einiges getan und ich freue mich sehr, dass sie mir und damit auch euch allen ein Update geschrieben hat. Lassen wir sie selbst zu Wort kommen!
So sieht es inzwischen bei Gaby aus:
Update: Meine ADHS-Medikamente – ein Schritt, der alles verändert hat
Am 15.09.2025 habe ich zum ersten Mal ADHS-Medikamente verschrieben bekommen. Medikinet retard, 10 mg.
Ich hatte so lange darauf hingearbeitet, so viele Termine hinter mir, so viel Hoffnung hineingelegt … aber als das Rezept dann wirklich in meiner Hand lag, war es plötzlich nicht mehr nur ein Stück Papier. Es war eine kleine, zerknitterte Zukunftsentscheidung.
Um es vorwegzunehmen: Ich habe mit der Dosis ein wenig experimentiert. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus dem tiefen Wunsch zu verstehen, was mein Gehirn eigentlich braucht.
Und dieses Experimentieren hat mir etwas gegeben, das ich vorher nicht kannte: Klarheit. Kontrolle. Und eine Welle von Emotionen, die mich erst einmal umgehauen hat. Doch von vorne:
Der Moment davor: Angst, Hoffnung und dieses ohrenbetäubende Gedankenkarussell
Je näher der erste Einnahmetag rückte, desto lauter wurde meine Angst. Vertrage ich die Medikamente? Werden sie mir helfen? Oder werde ich gar nichts merken und alle Hoffnung bricht in sich zusammen, bevor die Behandlung überhaupt richtig begonnen hat?
Ich hatte mich so lange darauf gefreut. Wirklich gefreut. Aber jetzt, als ich da saß, die Tablette in der Hand, war mein Kopf ein Chaos aus Fragen, Zweifeln und dem Gefühl, dass jetzt ein Moment kommt, der größer ist als ich.
Als ich die Tablette am Samstagmorgen schließlich schluckte, hielt ich buchstäblich den Atem an.
Und … nichts. Gar nichts.
Zwei Stunden später, enttäuscht und frustriert, nahm ich eine zweite Tablette. Und dann, fast wie ein leiser, aber entschlossener Klick, veränderte sich plötzlich etwas.
Der Raum mit den Gegenständen
Ich erkläre mein Gehirn, neben dem Bild mit dem Großstadtlärm, auch gerne so:
Ich stehe in einem leeren Raum. In der Mitte steht ein Tisch. Darauf liegen zehn Gegenstände.
Bisher war mein Leben so: Jeder Gegenstand schreit mich gleichzeitig an. Jedes Detail springt mir ins Gesicht. Ich scanne alles, ununterbrochen, rastlos. Ich muss alles gleichzeitig wahrnehmen, ob ich will oder nicht. Es gibt keine Reihenfolge, keine Priorität. Nur Lärm im Kopf, egal, wie ruhig der Raum eigentlich ist.
Dann kamen die Medikamente.
Und plötzlich konnte ich einmal über den Tisch schauen und mich entscheiden. Ich konnte zwei Gegenstände nehmen und sagen: Mit euch beschäftige ich mich jetzt. Und die anderen … waren einfach nur da. Sie verloren nicht ihre Bedeutung oder ihre Anwesenheit, aber sie verloren die Macht über mich und meine Aufmerksamkeit.
Diese Freiheit, diese Selbstbestimmtheit, hat mich so tief getroffen, dass ich erst später gemerkt habe, wie sehr mir das all die Jahre gefehlt hat. Es war wie zum ersten Mal atmen, obwohl man sein Leben lang dachte, man hätte längst geatmet.
Die Wut, die kam, als es endlich ruhig wurde
Und dann kam eine andere Emotion: Wut.
Sie traf mich wie eine Faust. Heiße, stechende, aufkochende Wut, die sich in der Brust sammelt und brüllt: WARUM ERST JETZT?
Was wäre gewesen, wenn ich diese Unterstützung als Kind gehabt hätte? Als Jugendliche? In der Schule? In der Ausbildung?
Wie viel Schmerz wäre mir erspart geblieben? Wie viele Selbstzweifel? Wie viele „Warum-bin-ich-so“-Momente? Wie viele Auslöser, die schließlich eine depressive Phase gestartet haben, hätte es gar nicht erst gegeben?
Ich weiß rational, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann. Aber Emotionen sind nicht rational. Sie sind da, manchmal deutlicher, als man möchte.
Heute habe ich einen Job, den ich liebe. Menschen, die mir guttun. Ein Leben, in dem ich mich wohlfühle. Und trotzdem gibt es dieses kleine, verletzte „Was wäre gewesen, wenn …?“ in mir.
Das ist kein Neid und erst recht keine Opferhaltung. Sondern Trauer. Trauer darüber, dass niemand die Zeichen erkannt hat. Trauer darüber, wie alleine ich mich gefühlt habe. Trauer darüber, wie viel Kraft es mich gekostet hat, dort anzukommen, wo ich heute stehe.
Aber gleichzeitig weiß ich: Ich mag die Frau, die ich heute bin. Auch mit den seelischen Narben. Vielleicht sogar wegen ihnen.
Heute: (Mehr) Kontrolle, Klarheit und ein neuer Umgang mit mir selbst
Heute, am 24.11.2025, nehme ich meistens 30 mg Medikinet. An manchen Tagen 60 mg, wenn mein Kopf mehr Unterstützung braucht. Und an diesen Tagen fühle ich mich, ohne Übertreibung, wie Superwoman. Meine ADHS-Superkräfte gehören für ein paar Stunden mir und nicht meinem Chaos.
Zum Glück habe ich keinen Rebound. Die Wirkung beginnt mit einem zarten Kribbeln im Kopf, wie ein kleiner Schalter, der umgelegt wird. Dann eine kurze „Benommenheit“, mir fehlt dazu noch der richtige Begriff. Und dann: Fokus. Energie. Ruhe.
Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Gehirn so anfühlen kann.
Auch meine Depression ist momentan leiser. Nicht verschwunden, aber gezähmt. Und ich kann mir ihr reden, statt von ihr überrollt zu werden.
Mein Fazit: Dies ist erst der Anfang!
Ich lerne noch. Jeden Tag. Ich werde sicher noch stolpern, zurückfallen, neue Fragen haben. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich nicht gegen mich kämpfe, sondern mit mir.
Ich rede offen darüber. Weil es wichtig ist und mich befreit. Und weil es vielleicht jemanden da draußen berührt, der sich genauso fühlt.
Hallo, ich bin Gaby.
Und dies ist meine Reise mit ADHS. Ehrlich, laut, leise, wütend, dankbar und so unglaublich befreiend!
